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Praxistest Porsche Cayman GT4

Ein Glücksfall der Geschichte – der Porsche Cayman GT4

Der GT4 ist das Ergebnis eines Glaubenskriegs um die moderne Sportwagenphilosophie. Ergebnis: Fahrspaß pur. Aber er ist auch eine Totgeburt.

Da ist er also. Im knalligen Racinggelb steht er vor mir und verunsichert die Passanten. Er ist zweifellos ein Porsche, aber sicher kein 911er. Der Cayman GT4 ist aber eigentlich auch kein Cayman. Er ist eine Art Best-of Album. Seine Entwickler sollten das Auto mit dem ultimativen Fahrspaß bauen – und durften sich dafür aus allen Porsche Regalen bedienen.

Der Porsche Cayman GT4 – eine Frage der Philosophie

Zurzeit bietet Porsche 2 verschiedene Sportwagenphilosophien. Für alle, die die besten Leistungswerte (Beschleunigung, Topspeed etc.) wollen, gibt es den Porsche 911 Turbo S: Mit 2,9 Sekunden von 0-100 und 330 km/h ist er Weltspitze. Dafür braucht er ein Doppelkupplungsgetriebe, Allradantrieb und einen Turbomotor.

Wem PS-Zahlen und Beschleunigungswerte wurscht sind, dafür aber möglichst schnell über die Rennstrecke kommen will, greift zum Porsche 911 GT3 RS: kein Allrad, kein Komfort und kein Turbolader – dafür aber ein Maximum an Kurvengeschwindigkeit. Aber ohne einen entsprechend großen Motor und Doppelkupplungsgetriebe wird auch das nichts.

Und diese beiden Extreme kosten jeweils um die 200.000 €. 

Der Cayman GT4: Das fehlende Teil im Porsche-Puzzle

Viele waren der Meinung, dass da noch etwas fehle: Ein Auto, dass weder auf Werte noch auf Rundenzeiten optimiert ist, sondern einfach auf das Feeling, auf den perfekten Fahrspaß. Und etwas, was extrem ist – aber unter der 100.000-Euro-Marke zu haben ist. Das brachte Porsche den Cayman aufs Tapet, denn der galt sowie schon als Geheimtipp.

Der Porsche Cayman: Im Schatten des Bruders

Es gab schon immer einen „Einsteiger-Porsche“: Den 928, den 924, den 968, den 944 etc.. Und alle teilen sich dasselbe Schicksal: Sie gerieten in Vergessenheit, während der 911 von Modellreihe zu Modellreihe zur größten Sportwagenlegende aller Zeiten wurde.

Der Porsche Boxster hatte in der Fangemeinde beispielsweise gar keinen guten Start: 1996 kam er mit „Spiegeleier-Leuchten“, mageren 204 PS und einem frauenaffinen Design auf den Markt. Schnell sprach man vom „Putzfrauen-Porsche“. 

Der Porsche Cayman GT4: eine Entwicklung

Kurz darauf bekam der „Elfer“ dann aber selbst den Spiegelei-Look (Porsche 996), die Zeiten der Luftkühlung waren auch bald vorbei, er wurde stetig dicker und dicker und kam schließlich auch noch in den schlechten Einfluss der neuen „Gemütlichkeits-Porsche“ Cayenne, Panamera und Macan. Abgesehen von den Topmodellen „Turbo (S)“ und „GT3“ war der 911 am Ende vor allem komfortabel, alltagstauglich – und natürlich immer noch schnell, aber sicher kein wildes Tier mehr.

Vom verlachten Boxster kam 2005 hingegen eine überdachte Version, die schon rein optisch an die letzten puristischen Modellreihen des 911ers erinnerte. Und der Cayman zeigte, was ein leichter Porsche mit echtem Mittelmotor so alles kann: Obwohl er stets einen Respektsabstand zum Carrera halten musste, war der Cayman spätestens als „GTS“ dem 45 PS stärkeren Basis-Carrera schon in vielerlei Hinsicht überlegen.

Der Porsche Cayman GT4 in der Bildergalerie:

Die Flucht nach vorne

Während Außenstehende immer noch über den Putzfrauen-Porsche grinsten, sahen echte Porsche-Fans das Potenzial des Caymans: klein und leicht wie alte Elfer, dabei noch mit den Vorzügen eines Mittelmotors gesegnet und um einiges günstiger: Er hatte einfach alles, um eine minimalistische Fahrmaschine zu werden. Das hätte ihn allerdings zum hauseigenen Carrara-Killer gemacht.  Und nicht sein kann, was nicht sein darf! 

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Der Cayman GT4: die Frage nach dem Preis

Irgendwann entschied sich Porsche aber schließlich für die Flucht nach vorne: Man lieferte eine absolut radikale und – relativ günstige – Rennsemmel auf Cayman-Basis ab. Und da machte man keine halben Sachen: man versorgte ihn nicht nur mit dem Motor des Carrera S, sondern pflanzte auch noch großzügig Achsen und Bremsen des Radikalo-Elfers „GT3“ ein. Als besonderen Clou gab es dann noch die Sitze aus dem Hyper-Porsche 918 Spyder obendrauf – und all das für nur 85.776 Euro.

Das klingt natürlich viel zu schön ist, um wirklich wahr zu sein. Und das war es dann ja auch nicht, zumindest nicht für lange: Porsche limitierte den „GT4“ auf 1.000 Stück. 

Der GT4 – jetzt schon eine Legende

Obwohl die GT4s noch keine 2 Jahre alt sind, ist das Auto jetzt schon ein Klassiker. Und so wie er ist, wird er wohl auch nie wieder kommen: Seit 2016 kann der Carrera S keinen Saugmotor mehr spenden, er hat nämlich selbst keinen mehr. Dem „Turbo-Zwang“ sei Dank.

Im Prinzip ist es also zum Heulen: Nun gibt es die günstige Cayman-Pistensau, aber sie ist so einzigartig und selten, dass man sie eigentlich fast nicht treten darf.

Die kleinen Freuden des Alltags: Der Porsche Cayman GT4 im Test

Auf der Rennstrecke hat der Cayman GT4 alles bewiesen, was zu beweisen war: Eine Rundenzeit von 7:42 auf der Nordschleife, fast genauso schnell wie der Lambroghini Murcielago SuperVeloce – und der hat mit 670 so einige Pferdchen mehr zur Verfügung, als der 385 PS starke GT 4. Und kein Testfahrer vergisst den Hinweis, dass man sich im GT4 noch wesentlich schneller fühlt, als man es de facto ist. Und letztlich kommt es darauf ja auch an.

Aber wie schlägt sich eine solche Pistensau im Alltag? Ist es tatsächlich so, dass man sowas extremes nicht durch die Stadt schlängeln will?

Ein Radikalo von Anfang an

Wenn man größer ist als 190 cm ist, dann erkennt man echte Sportler bereits beim Einsteigen: Wenn man kaum reinkommt, machen sie am meisten Spaß. Beim GT4 kommt beim „Entree“ einiges zusammen: er ist niedrig, eng - und den Rest erledigen die extrem hochkantigen 918-Spyder-Sitze. Sobald man beim Bewegungsablauf die enge Ideallinie verlässt, wird es schnell schmerzhaft. Aber so muss es sein!

Die nächste Etappe der „Mission Fahrspaß“ ist der Anlasser: Den Schlüssel darf man im GT4 natürlich noch „reinstecken“. Porsche bietet inzwischen ja auch einen sehr eigensinnigen Kompromiss in Sachen „keyless go“: mittels einer Art fest eingebautem „Schlüssel-Bommel“, damit man den Motor auch ja weiterhin mit der linken Hand startet. Für Porsche ist das nämlich ein hochheiliger Akt.

Porsche Cayman GT4: Sauge in Freiheit!

Sobald man das „Zuffenhausener-Startzeremoniell“ dann vollzogen hat, hört man auch auf zu spotten: Der Sauger spielt die Porsche-Hymne so laut, dass die ganze Straße etwas davon hat. Man darf also mit reichlich Schadenfreude rechnen, falls beim Ausparken die äußerst lange und äußerst tiefsitzende Spoiler-Lippe irgendwo andozzt.

Nach hinten gibt’s aber immerhin eine Kamera – und mehr noch, es gibt sogar ein ausgewachsenes Infotainment-System. Und eine Klimaanlage, die anscheinend routinemäßig anspringt. Warum das so ist, merkt man, wenn man sie einmal ausschaltet: Im Cayman GT4 lebt man mit Motor „unter einem Dach“. Das kann schnell sehr hitzig werden.

Dann wird es natürlich höchste Zeit, den Auspuff scharf zu stellen – von einem GT-Porsche will man schließlich unterhalten werden, noblesse oblige. Aber auf diesen Fall ist man im GT 4 bestens vorbereitet, der bei Porsche übliche „Klappen-Knopf“ befindet sich am gewohnten Platz neben der Schaltkulisse. 

Porsche Cayman GT4: Spaß bei jeder Geschwindigkeit 

Selbst im Berufsverkehr versprüht der GT4 reichlich Fahrspaß, obwohl - oder vielleicht sogar, weil er eine Rennsemmel ist. Auch innerhalb der Tempolimits spürt man jedes km/h und jede Kurve. Und an der Ampel muss man das Gas auch nicht unbedingt durchdrücken, um etwas zu erleben.

Auf der Landstraße sollte man allerdings wissen, was man tut. Mit den obligatorischen Rennreifen reichen ein paar Kieselsteine oder Laubreste, um das Heck per Gaspedal ins Schlingern zu bringen. Aber wer einen GT4 fährt, hat es ja ganz sicher auch nicht anders gewollt!

Porsche Cayman GT4: Design ist Geschmackssache

Im Prinzip könnte der GT4 auch aussehen, wie ein rostiger Fiat Mulitpla. Aus den bereits genannten Gründen wäre er so oder so eine Legende. Ganz so schlimm ist es natürlich nicht, aber das „von allem ein bisschen“, das ihm göttliche Fahreigenschaften verleiht, verwässert andererseits auch ein bisschen das Design.

Das große Kapital des Cayman war nämlich immer, dass er aussieht wie ein 911er zu seinen besten Zeiten. Ich persönlich gehe um fast jeden, den ich sehe, einmal herum und überlege mir dabei, welche Akzente man noch stärker betonen müsste, damit er dem 993er noch ähnlicher wird.

Genau dieses „993er-Design“ verwäscht der GT4 aber weitestgehend: die extrem kurzen Überhänge wurden vorne durch eine Riesenschürze verlängert und durch den größeren Radstand ist die kompakte Kürze dahin. Das größte Problem bereitet mir allerdings der Spoiler, der sich über die gesamte Fahrzeugbreite erstreckt. Wie oft hatte ich die kleine Cayman-Lippe im Kopf schon zu einem ausgewachsenen „Enten-Bürzel“ des 993er Turbos erweitert? Stattdessen bekomme ich nun aber ein Bügelbrett geliefert. Warum? Die traditionellen Linien wären doch so offensichtlich gewesen …

Porsche Cayman GT4 – aufsehenerregend!

Diese Optik hat natürlich auch ihr Gutes: unkundige Passanten versuchen krampfhaft, das Gefährt in eine der Porsche-Schubladen zu stecken: Es ist offensichtlich kein 911er, aber für einen normalen Cayman wirkt – und klingt – er viel zu radikal.

Graumelierte Carrera-Fahrer werfen dem GT4 wiederum sehnsüchtige Blicke zu, als ob er sie an eine Zeit erinnert, als sie und ihr Porsche noch wesentlich wilder waren.

Darüber hinaus stecken im GT4 auch noch jede Menge nette Details: Die Sicherheitsgurte haben die gleiche Signalfarbe wie der Lack – und wie die Stoffschlaufen, die die Türöffner ersetzen. Außerdem gibt der GT4 beim Gangwechsel automatisch Zwischengas, damit man jeden Gang mit der optimalen Drehzahl einkuppelt. 

Fazit zum Porsche Cayman GT4

Der GT4 ist eine Art Glücksfall der Geschichte. Und er wird sich in dieser Form so schnell nicht mehr widerholen: Den einzigen Sauger, den Porsche für eine Neuauflage noch im Regal hat, stammt aus dem GT3 RS– und das ist ein ganz anderes Kaliber. Mit einem Turbomotor wiederum wäre das Auto aber sicher ein anderes. Und wann Porsche das nächste Hypercar baut, das nebenbei Sitze spenden kann, steht auch noch in den Sternen.

Eines scheint daher sicher: Mit ihm erreicht Porsche ein Level an Fahrspaß, dass in seiner Reinheit wohl einzigartig bleiben wird! 

Technische Daten Porsche Cayman GT4:

Technische Daten
Grundpreis 85.776 €
Hubraum/Motor 3,8 Liter / 6-Zylinder-Boxermotor
Leistung 283 kW (385 PS); 420 Nm
V-Max 295 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h 4,4 s
Verbrauch kombiniert 10,3 Liter/100 km
CO2-Emission Kombiniert in g/km 238
Antriebsart Heckantrieb
Länge x Breite x Höhe 4438 x 1817 x 1266 mm
Kofferaumvolumen 150 Liter vorn / 184 Liter hinten
Leergewicht 1340 kg
Kraftstoff Benzin

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