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Elektromobilität: Genie oder Flüssigstrom-Phantast?
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Elektromobilität: Genie oder Flüssigstrom-Phantast?

Angeblich steht der vermeintliche 1090 PS-Wunderstromer "Quant" kurz vor der Serienreife. Realität - oder Fata Morgana?

Die Meldung liest sich wie der nächste, logische Schritt einer konsequent betriebenen Entwicklung: der Quantino, seines Zeichens der „Junior“ der Produktlinie („Quant“) des Schweizer Start-ups „Nanoflowcell AG“, erhielt soeben „grünes Licht“ vom TÜV Saar für die Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr. Ausgiebigen Testfahrten in ganz Europa steht somit nichts mehr im Weg. Die Serienproduktion scheint damit in greifbare Nähe gerückt.

Sollte es tatsächlich so kommen, so müsste man die Quant-Story wohl zur beispiellosen Erfolgsgeschichte umdichten – in die Mär von Nunzio La Vecchia, einem entschlossenen Selfmade-Physiker, der mit „ionischen Flüssigkeiten“ die Mobilität der Menschheit im Handstreich revolutionierte. Der versammelten Fachpresse indes bliebe wohl nicht viel mehr, als mit gesenktem Haupte Abbitte zu leisten.

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Denn so recht glauben wollte bisher kaum jemand an die hochtrabenden Versprechungen des adretten Schlagerbarden aus der Eidgenossenschaft, der ganz nebenbei auch noch als Unternehmer, Rennfahrer, Kampfjetpilot und promovierter – nun – Doktor brilliert. Allzu fantastisch lesen sich die Ansagen des Tausendsassas auf dem Papier: In La Vecchias Version einer besseren Zukunft wird der Stromer nämlich wie gewohnt an der Zapfsäule betankt – und zwar mit „flüssigem Strom“. Das gehe nicht nur viel schneller als der Ladevorgang eines landläufigen Akkus; die ionische Flüssigkeit sei zudem völlig unbedenklich für Mensch und Umwelt.

Zumal sich der Anwendungsbereich seiner Flusszellentechnologie für La Vecchia im Automobilsektor noch lange nicht erschöpft: selbst Flugzeuge sollen bald mit der Kraft der „Flow Cell“ abheben. Somit wäre mit dem Aerospace-Bereich ein weiterer Umwelt-Schädling plötzlich mindestens so grün wie der Biobauer vom Gemüsemarkt um die Ecke.

Serienreife Superlative

Keine Frage: wer derart revolutionäre Umwälzungen anstrebt, der will seine kostbare Zeit nicht mit Miesmachern und Duckmäusern verschwenden, die kleinmütig einen Beweis für diese wolkigen Versprechungen einfordern. Davon hat der (im wahrsten Sinne des Wortes) blendende Internetauftritt der La-Vecchia-Company wahrlich genug zu bieten: unter anderem soll die firmeneigene Flusszelle 120 Kilowattstunden aus 200 Litern Tankvolumen generieren – bei einer Reichweite von 800 Kilometern (beim F-Modell).

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Dass Experten der Technologie allenfalls eine Leistung von maximal 30 Kilowatt zutrauen, ficht den promovierten Flusszellologen nicht an. Er verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass er diesen Kritikern gerne lächelnd zugewunken hätte, als er „im Februar [2015] mit dem QUANT E einen ganzen Vormittag mit nanoFlowcell Antrieb durch Zürich“ fuhr.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Nur war an diesem denkwürdigen Tag offenbar niemand anwesend, der von der Fahrtüchtigkeit von La Vecchias Flusszellen-Mobil glaubhaft Zeugnis ablegen könnte. Pressevertreter oder namhafte Wissenschaftler waren offenbar nicht zur Züricher Ausfahrt geladen. Immerhin: eine Sichtung des vermeintlichen Wunder-Stromers wurde inzwischen auf Video festgehalten:

Freilich hält sich der Erkenntniswert dieser kurzen Begegnung in Grenzen.

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Der vermeintliche Weltrekord

Allerdings würde der „Chief Technology Officer“ des Quant-Imperiums in diesem Zusammenhang vermutlich sofort auf seinen neusten Streich verweisen: laut einer taufrischen Pressemeldung wurde der Quantino unlängst einem Dauertest unter „Realbedingungen“ unterzogen. Auf einem (nicht näher genannten) Testgelände nahe Zürich will man den Mini-Stromer demnach in einer 14-stündigen Nonstop-Fahrt auf Herz und Nieren auf seine Langstreckentauglichkeit überprüft haben – unter „juristischer Aufsicht“. Für ein Elektroauto wäre eine solche Marathonfahrt neuer Rekord.

Natürlich ließ es sich der Maestro nicht nehmen, bei diesen denkwürdigen „14 Stunden von Zürich“ höchstpersönlich hinter dem Steuer Platz zu nehmen. „Der Wagen könnte noch weiterfahren, doch anders als die nanoFlowcell, habe ich ein Limit“, gab La Vecchia nach seinem Husarenritt siegesgewiss zu Protokoll.

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Um ein gerüttelt Maß an Anführungszeichen kommt der Autor bei der Nacherzählung dieser epochalen Testfahrt leider nicht herum. Was nicht zuletzt daran liegt, dass auch in dieser Quant-Verlautbarung allzu viel im Ungefähren bleibt: Beispielsweise, wieviel Kilometer während des Tests überhaupt zurückgelegt wurden. Oder warum das ominöse Testgelände auf den Pressefotos eher den Eindruck einer Tiefgarage vermittelt.

Aber offenbar galt der Reichweite bei diesem Test ohnehin nicht das Hauptaugenmerk: Die Presseabteilung der Nanoflowcell AG bezeichnete auf Driven-Nachfrage die zurückgelegten Kilometer sogar als „nebensächlich“. Vielmehr habe die Probefahrt lediglich „der Systemintegrität des nanoFlowcell-Antriebs unter Dauerbelastung“ gegolten. Ein weiterer Test mit der "Zielsetzung größtmöglicher Reichweite“ sei aber bereits in Planung. 

„And the best of all, it’s actually here“

Man darf wohl gespannt sein, ob diese neuen Entwicklungen zu einem signifikanten Anstieg der Quantino-Sichtungen im Straßenverkehr führen werden.

Im stehenden Zustand kann La Vecchias – zugegebenermaßen schicker – Flitzer jedenfalls schon sehr bald wieder bewundert werden: auch beim diesjährigen Genfer Autosalon will der Quant-Impresario mit seinen Wunderautos zugegen sein – und aller Voraussicht nach wieder die blaue Flusszellen-Zukunft vom Himmel versprechen.

Zu sehen gibt es dort Weiterentwicklungen der beiden auf dem letzten Autosalon vorgestellten Studien – jetzt sogar noch „seriennäher“.

Imponierende Daten

Da wäre einmal die Sportlimousine Quant F, die jetzt mit einem zusätzlichen „E“ an den Start geht, das von „Evolution“ künden soll. Wobei sich an den technischen Daten des rasanten Stromers offenbar nichts geändert hat. Aber die nahmen sich ja bereits vor einem Jahr beeindruckend genug aus: 1090 PS, von 0 auf 100 in 2,8 Sekunden bei einer Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h.

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Werte, die zum Träumen einladen. Sollten Sie den Tatsachen entsprechen, dann könnte an der Ampel selbst der neue Porsche 911 Turbo S gegen den Schweizer Boliden einpacken. Man darf indes aber davon ausgehen, dass sich die Nervosität in Zuffenhausen derzeit noch in Grenzen hält.

Und dann wäre da natürlich noch der „Volks-Flusszeller“ Quantino. Das kleinste Modell der La-Vecchia-Flotte hat seit dem letzten Auto-Salon dem Vernehmen nach eine komplette Neuentwicklung durchlaufen und dabei wohl ein paar PS eingebüßt: 109 Pferdestärken sind von den ursprünglichen 136 übriggeblieben. Die sollen aber immer noch ausreichen, um den Kompakt-Stromer in „weniger als fünf Sekunden“ von 0 auf 100 zu beschleunigen. 200 km/h Spitzengeschwindigkeit sind außerdem weiterhin drin. Offenbar ist dem Chefingenieur La Vecchia also ein ausgemachtes Optimierungs-Kunststück gelungen: gleiche Leistung bei weniger PS.

Auch in Punkto Reichweite sind dem Vernehmen nach keine Abstriche notwendig. Sogar „bis zu 1000 Kilometer“ weit soll der Quantino kommen.

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In Planung: die Quant-Metropole

Geht es nach La Vecchia, soll die – eigentlich bereits für 2015 geplante –   Kleinserienproduktion alsbald beginnen. Wobei es doch ein wenig verwundert, dass der Schweizer QUANTenphysiker die Messlatte hier so tief ansetzt.

Schließlich gibt sich La Vecchia mit „klein“ normalerweise nicht zufrieden: So plant er beispielsweise für 2018 bereits eine neue Schaltzentrale für seine (Ba)Nano-Flowcell-Republik – die „Quant City“ in der Schweiz. Diese ist mit einer Fläche von 25.000 Quadratmetern den Ambitionen des Maestros entsprechend großzügig dimensioniert.

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Sollten Europas Straßen bis dahin nur so von Quants und Quantinos wimmeln, wird La Vecchias Sinnspruch „Join the Flow!“ sicherlich zur neuen Binsenweisheit erhoben. Ansonsten wird mit Sicherheit auch 2018 in Genf wieder ein Autosalon abgehalten, auf dem Herr La Vecchia die nächste, noch seriennähere Evolution seines Wunderstromers präsentieren kann.